Achtung, hier kommt ein Karton…

JuZ Friedrich Dürr bleibt.

1996 feierte ich meinen fünfzehnten Geburtstag in der pfälzischen Kleinstadt Neustadt an der Weinstrasse. Die Pogrome von Rostock-Lichtenhagen waren da gerade vier Jahre Geschichte. Neustadt war alles andere als das viel gepriesene linksliberale Kleinstädtchen, dass es gerne sein wollte. Es gab zu dieser Zeit eine sehr aktive, bundesweit vernetzte Naziszene. Sie sammelte Informationen über politische Gegner aller Parteien, bedrohte alternativ aussehende Jugendliche (wie ich einer war) und beschoss Kebab Restaurants mit Schnellfeuerwaffen. Als in Berlin eine Bombe bei einem Buchhändler hoch ging, stand seine Anschrift auf der Liste der gesammelten Adressen dieser Gruppe. Die Presse schrieb über die Vorderpfalz als “der Osten im Westen” und die “Jäger aus Kurpfalz”. Neonazis hatten meinen größeren Bruder ein paar Jahre zuvor auf einem Weinfest bewusstlos
geschlagen und ihm ein Bein gebrochen. Neustadt war ein unbequemes Pflaster für Linke, Migranten und alle, die irgendwie “anders” waren. Natürlich regte sich auch bürgerlicher Widerstand. Aber reden mit und gegen rechts war damals so sinnlos wie heute und bewahrte einen an dunklen Abenden nicht davor, Opfer von rechter Gewalt zu werden.
Antirassismus als problematische Haltung oder gar kriminelle Tendenz auszulegen, diesen Spagat muss man erstmal hin bekommen. Das Juz in Mannheim war zu dieser Zeit enorm wichtig. Es organisierte kulturelle Veranstaltungen, Konzerte, Lesungen, Filmabende, Diskussionsrunden (extrem demokratisch!) und bot für Menschen wie mich ein zweites Zuhause, dass ich mir von meinem Taschengeld auch leisten konnte. Das Juz war und ist ein Schutzraum vor rassistischen, homophoben oder sexistischen Übergriffen. Dieser Konsens bedeutet zwar nicht, dass es dort keine Ausgrenzungsmechanismen gibt. Dennoch erklären sich alle Besucher_innen dazu bereit, dort sensibel und kritisch mit diesen Themen umzugehen.
Ich wüsste keinen zweiten Platz in Mannheim, auf den das derart zutrifft.
Auch beim Aufwachsen hat mich das Juz begleitet: Als ich das erste Mal zuviel getrunken hatte, schob mich niemand, wie in den Clubs üblich, einfach vor die Tür. Ich bekam ein Glas Wasser und konnte betreut wieder ausnüchtern. Als der letzte Zug nach Neustadt weg war, bekam ich einen Notschlafplatz. Als ich viel später beschloss, dass ich mich musikalisch Ausdrücken möchte, bekam ich im Juz eine Bühne dazu. Heute bin ich 36 Jahre alt. Das Juz blieb immer eine Konstante in meinem Leben. 2015, als in Syrien Menschen begannen, sich auf die lebensgefährliche Flucht vor dem Krieg zu begeben, war das Juz für viele dieser Menschen eine erste offene Anlaufstelle um “anzukommen”. Hier lernte ich Menschen kennen, die ich heute zu meinen geschätzten Freund*innen zähle. Als ich Pate einer “Schule gegen Rassismus” wurde, kannte ich das “Netzwerk für Demokratie und Courage e.V.” vor allem durch das Juz. Was 1992 in Mannheim Schönau passierte, weiß ich duch Veranstaltungen im Juz. Wer Henriette
Wagner und Georg Lechleiter sind weiß ich durch das Juz. Das Cafè Welcome besuche ich gerne und regelmäßig. Und wenn ich mich aufraffen könnte, würde ich mein Fahrrad im Juz reparieren.
Ach ja, nochwas: Schon damals 1996 gab es für viele nur den einen Feind: Die sogenannten “Linksextremen”. So geschah es auch, dass alle alternativ aussehenden Jugendlichen Neustadts vorsorglich bei einem Besuch von Jaques Chirac in Neustadt in den Hof der Neustadter Polizeidienststelle gesperrt wurden. Das war selbst dem damaligen Ministerpräsidenten Kurt Beck so undemokratisch vorgekommen, dass er uns zur Entschuldigung kollektiv nach Mainz zum Mittagessen einlud.
Heute, während wir mindestens zehn Todesopfer des NSU kennen, während 6000 Neonazis ein Konzert in Themar feiern, während die AfD von Schüssen an Grenzen schwadroniert und ihre sogenannten “gemäßigten” Kader aussortiert und aktuell über 500 Neonazis per ausstehendem Haftbefehl gesucht werden. Heute, während uns diese Dinge deutlich machen, dass das Thema Menschenfeindlichkeit so brennend ist wie eh und je.
Heute ist das Juz durch die Meinung einiger von der Schließung bedroht. Zeigen wir ihnen, dass sie falsch liegen.
Mannheim braucht das Juz.
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