Kommentar zum rap.de Kommentar “Deutschrap braucht ein #MeToo”

Hey Oliver Marquart, hey rap.de, hey BACKSPIN, hey Rap!

über was müssen wir eigentlich gerade reden? Darüber dass es nicht klar geht, Frauen „an den Haaren durch’s Haus zu schleifen“? Wahrscheinlich sollten wir auch darüber reden, ja, denn jeden dritten Tag bringt in Deutschland ein Mann eine Frau um. Es ist nicht der kranke, böse Fremde, der Nachts hinter der Ecke auflauert. Täter dieser Femizide sind die Ehemänner, Partner, Brüder, Freunde. An den Haaren durch’s Haus schleifen? Ja, darüber sollten wir reden. Mein Nachbar hat seine Frau geschlagen. Ich habe bei ihm geklingelt, ihm gedroht, mit ihm gesprochen, ihn angezeigt, am Ende kam die Polizei nicht mal mehr, wenn ich anrief. In keinem Zimmer meiner Wohnung waren ihre Schreie nicht zu hören. Als ich krank wurde, bin ich umgezogen. Und wenn sie nicht gestorben ist, so schlägt er sie noch heute. Vor Gericht habe ich als Zeuge ausgesagt, in einem Vergewaltigungsprozess. Für das Opfer heißt das einmal durch die Hölle. Beziehungsweise noch einmal, nach der Hölle, durch die Hölle. Ratet, was das Urteil war. Misogynie heißt der Istzustand unserer Gesellschaft. Sie hasst Frauen. Sie bezahlt sie schlechter, nimmt sie nicht ernst, verkehrt Opfer und Täter, entsolidarisiert sich. Rapper tun das, Ärzte tun das, Richter tun das, Polizisten tun das, Therapeuten tun das. Warum das funktioniert? Wegen des gesamtgesellschaftlichen Unterdrückungsverhältnisses, wegen Ausbeutung, wegen Verwertungslogik. Erniedrigung ist ein Prozess, den wir als Gesellschaft längst gewohnt sind, auszuhalten. Auch ich tue das. Sowieso bin ich in dem Thema keine Ausnahme, ich bin Teil des Problems.

Misogynie heißt der Istzustand auch im Rap. Und zwar vor allem in den Lyrics, nicht nur hinter den Wohnungstüren. Und ist dieses Thema neu? „Obwohl hier’n paar Typen rappen hört sich’s an wie Frauenrap“ (Samy Deluxe, 2000), „Mit 200 PS nehm’ ich jede Puppe genau unter die Lupe, Ist sie prüde, öl’ ich ihr Getriebe mit viel Liebe, Ich zeig’ ihr meine Einspritzpumpe, Weich’ nie ab von der Route und drehe noch ne Runde“ (Massive Töne, 2002), „Ich fick’ dich so tief in dein Loch, dass mein Schwanz mit deinen Rippen flirtet, Ficksau, ich bums’ dich in die Klinik“ (Kool Savas, 1999) – Wie weit zurück wollen wir gehen? Wer hatte auch einen Kumpel, der einen kannte, der Savas schon einmal getroffen hat und zu berichten wusste, dass der voll der schüchterne Typ ist? Ist das nicht voll egal? Wäre es nicht unser Job gewesen, einfach zu sagen: Halt die Fresse du frauenfeindliches Arschloch? Wir tragen alle die Verantwortung – alle die an diesem Business beteiligt sind und alle die wir Geld für Konzerte und Merchandise Artikel ausgeben und damit diese Menschenfeindlichkeit finanzieren. In der Musikindustrie gibt es selbst heute noch Veranstaltungen, auf denen keine einzige Künstlerin zu finden ist. Penisparade, es stört nicht nur niemand, es fällt den allermeisten nicht einmal auf. Lina Burghausen erntet (zu Recht und doch erschreckend) ein verwundertes Hallo für ihre Serie 365 Female MCs. Auch von mir. Sowieso bin ich in dem Thema keine Ausnahme, ich bin Teil des Problems.

Und jetzt stellen wir fest, Rap braucht eine Sexismus Debatte? Ja, aber Hallo, voll auf zack HERRschaften, huch, schon 2019. Wir hatten MeToo, wir, die Gesellschaft hat dazu debattiert, das fand 2017 statt. Wo war denn die Rap Szene da gerade? Beschäftigt mit einem Typen, der drei Mal mit scheiß Lyrics in den Juice Jahrescharts auftaucht? Es gab eine Diskussion zum Thema Aufschrei 2013. Guckt mal in den Timelines nach, ob’s in den Rap-Magazinen und Foren damals um Sexismus ging. „Deutschrap“ hat zufrieden zugeguckt beim Tabuverschieben. Haftbefehl ironisch hören, „“Sexismus gegen Rechts“, Rein raus mit Samy Deluxe. Entspannt in die Barbarei. Und komm mir jetzt keiner mit prekären Familienverhältnissen, die Hälfte der Konsumentenschaft studiert BWL oder irgendwas mit Medien. Lasziv durchgewunken. Kunstfreiheit. Ironie. Alles gut. Jetzt bloß nicht unlocker werden. Auch ich. Sowieso bin ich in dem Thema keine Ausnahme, ich bin Teil des Problems.

Okay, dann lasst uns anfangen mit unlocker werden. Jetzt.

Original Artikel: https://rap.de/meinung/149189-kommentar-deutschrap-braucht-ein-metoo/?fbclid=IwAR3Eg7cotzvwK8m1aJX1Lx20woTm4C3QVROXL_p1tiVkW8fAAlBjUyJTc5s

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